Wunder Volle Antike - Autopsie nach über 3000 Jahren




Autopsie nach über 3000 Jahren

Schon länger gibt es Spekulationen um das möglicherweise gewaltsame Ende von Tutanchamun. Eine erneute Röntgenanalyse soll nun Aufklärung schaffen.

Seit 1968 hat niemand den Leichnam gesehen. Er ruht in einem Steinsarkophag in einer Grabkammer bei Luxor. Immer wieder gab es in den vergangenen Jahren Mutmaßungen, der Pharao könnte ermordet worden sein. Diesen Vermutungen auf den Grund zu gehen, ist Ziel einer aktuellen Untersuchung des Leichnams. Dazu werden die sterblichen Überreste des berühmten Herrschers von Luxor nach Kairo verbracht, wo mit modernstem Gerät ein für alle Mal Klarheit geschaffen werden soll.

Hinweise auf ein Verbrechen?

Zuletzt waren es der Ägyptologe Bob Brier, Dozent an der Long Island University, und Dr. Gerald Irwing, ein Experte für Schädelverletzungen, die Zweifel an einem natürlichen Tod des jungen Pharaos ausgesprochen hatten. Bei einer genaueren Untersuchung alter Röntgenaufnahmen stießen sie nicht nur auf eine schwere Fraktur an der Schädelbasis sondern auch auf eine Verdickung der Knochen an der Bruchstelle. Sie deute darauf hin, dass Tutanchamun noch mindestens 2 Monate lebte, nachdem er die Verletzung erlitt. Der Bruch entstand also nicht posthum, wie anderthalben vermutet.

Die Röntgenaufnahmen, die bei der Untersuchung herangezogen wurden, stammen allesamt aus den sechziger Jahren. Damals hatte man einen Knochensplitter im Schädel des jungen Herrschers entdeckt. Nicht geklärt werden konnte allerdings, ob dieser Splitter nicht vielleicht auch das Ergebnis der ersten Obduktion in den zwanziger Jahren gewesen sei.

Nach modernem Verständnis war diese erste Untersuchung des Leichnams alles andere als sanft. Der damalige Pathologe - Douglas Derry - bearbeitete die Mumie mit Hammer und Meißel. Außerdem sägte er den Leichnam durch, Arme und Beine wurden gebrochen sowie der Kopf vom Rumpf getrennt. Inwieweit dies dem Verständnis der Todesursache weiterhalf, dürfte sein Geheimnis geblieben sein. Moderne Untersuchungsmethoden gehen jedenfalls etwas subtiler vor.

So gesehen waren die Entdeckung von Bob Brier gewichtig, schloss sie doch die nachträgliche Beschädigung der Schädelkalotte aus. Nun führte er seine Untersuchungen aber mit besagten alten Aufnahmen und deren Aussagekraft blieb umstritten.

Spurensuche mit dem Tomografen

Ägyptens Chefarchäologe Zahi Hawass nahm sich dem Fall nun an. Er ist optimistisch, dass mit dem Computertomografen alle offenen Fragen geklärt werden können. Trotz der starken Beschädigungen des Schädels sollten sich klare Ergebnisse erzielen lassen, nach Aussage der Experten lässt sich selbst nach über 3000 Jahren noch feststellen, welche Krankheiten und Verletzungen der Pharao hatte.

Auch soll endlich festgestellt werden, wie alt Tutanchamun zum Zeitpunkt seines Ablebens nun eigentlich genau war. Bisher gibt es dazu nur Schätzungen, die sich immerhin aber dahingehend einig sind, dass er nicht älter als 19 Jahre alt wurde. Der Göttinger Paläopathologe Michael Schultz bezeichnet die sterblichen Überreste als die eines schlanken und relativ gesunden jungen Mannes.

Die Frage, ob der Pharao ermordet wurde oder nicht, ist dabei nur auf den ersten Blick akademisch. Er galt lange Zeit als eine unbedeutende Figur der ägyptischen Geschichte, die ihren Ruhm einzig der Tatsache verdankt, dass die letzte Ruhestätte des schon in so jungen Jahren Verstorbenen, der Aufmerksamkeit der Grabräuber bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein entging.

Seit der Entdeckung des Grabmals durch Howard Carter im Jahre 1922, ranken sich zahllose Gerüchte und Anekdoten um die Figur des Tutanchamuns. Der berühmte Fluch des Pharaos, der angeblich den größten Teil der damaligen Expeditionsteilnehmer innerhalb weniger Jahre hinwegraffte, ist nur ein Beispiel. Tatsächlich verdichten sich neuerdings aber die Hinweise, dass Tutanchamun von der Forschung lange Zeit ganz schlicht und ergreifend unterschätzt wurde.

Zwischen den Stühlen

Nach allem, was wir mittlerweile über ihn wissen, war der junge Pharao auf dem besten Wege als einer der großen Reformatoren des Reiches am Nil in die Geschichte einzugehen. Er bestieg den Thron mit acht Jahren, über seinen Vorgänger Semenchkare ist praktisch nichts bekannt. Gelegentlich wird vermutet, dass Nofretete unter diesem Namen den Thron bestieg, die Aufzeichnungen aus dieser Zeit wurden allerdings vernichtet. Der Grund dafür ist allerdings bekannt: Vor Semenchkare saß der sogenannte Ketzerkönig Echnaton auf dem ägyptischen Thron und mit ihm verbindet sich einer der größten Brüche in der ägyptischen Geschichte.

Nicht nur verlegte er die Hauptstadt nach el Amarna und führte den Monotheismus in Gestalt des Sonnengottes Aton ein, zu dem er selbst als Einziger Zugang hatte, er schaffte kurzerhand das Jenseits ab. Das war des Guten zu viel, immerhin sprechen wir über das Land der Pyramiden. Die Beschäftigung mit dem Leben nach dem Tod war wichtiger Teil des Alltagsleben, die Zeugnisse der Totenverehrung praktisch omnipräsent.

Aus Rache wurde der Name Echnatons und seiner direkten Nachfolger aus den Königslisten gestrichen und jede Erinnerung an ihn getilgt. "Vergessen" war nach der Vorstellung der Ägypter so ziemlich die schlimmste Strafe, die man über einen Pharao verhängen konnte. Tatsächlich gibt es mehr als ein Beispiel, wo dies praktiziert wurde.

Wie es aussieht, versuchte Tutanchamun einen Brückenschlag zwischen den Reformen Echnatons und den alten Werten und Traditionen. So wurden das Jenseits und der Polytheismus wiedereingeführt, doch wählte er anstelle des alten Theben Memphis als neue Hauptstadt und gedachte offenbar auch andere moderne Traditionen weiterzuführen. Die Priesterkaste war allerdings ein mächtiger Gegner und eventuell war ihnen einfach jede Form von Veränderung suspekt.

Betrachtet man zum Beispiel die Kunstgeschichte Ägyptens, erkennt man schnell, welchen Stellenwert Veränderungen im Bewusstsein und Wertekatalog der Gesellschaft hatten: Völlige Fehlanzeige. Es gibt wohl kein Reich in der Geschichte, dass Traditionen und Althergebrachtem so sehr verhaftet war wie Ägypten. Nach einem rasanten Aufstieg passierte für Jahrtausende so gut wie überhaupt und gar nichts.

Ein politisches Attentat?

Die Regierungszeit Tutanchamuns fiel in eine Epoche grundlegender Veränderungen. Umbrüche erfordern einen starken Herrscher, einen Führer nicht nur mit Visionen sondern auch mit einer entsprechenden Machtbasis. Die dürfte der junge Pharao nicht gehabt haben. Den meisten Teil seiner Regierungszeit wurde das Land von einem Vormund verwaltet, die Tagesgeschäfte führte sein Wesir Aye.

In Ermangelung eines legitimen Nachfolgers folgte ihm der ehemalige Wesir auf dem Thron, allerdings erfreute auch er sich nicht sehr lange seiner Macht. Nach nur drei Jahren starb er. Zu Aye's Nachfolger wurde General Haremhab, ehemaliger Berater Tutanchamuns und unter dem setzte nun ein wahrer Bildersturm ein. Alle Hinweise auf Echnaton, Semenchkare, Tutanchamun und Aye wurden ausgelöscht, Inschriften überschrieben, Insignien zerstört. Die Zeit der "Ketzer" war vorbei.

Damit wurde Haremhab zum Hauptverdächtigen in diesem vermeintlich Komplott. Er hatte Zugang zum König und ganz offensichtlich tendierte er politisch eher zu den Reformgegnern. War er das Werkzeug, mit dem sich die Priester des kommenden Reformers entledigten, bevor er zu mächtig wurde?

Es gibt Pros und Contras zu dieser Theorie. Sylvia Schoske vom Staatlichen Museum Ägyptischer Kunst in München zum Beispiel widerspricht der These vom politischen Attentat. In unsicheren Zeiten ermordet man nicht den König. Dazu kommt, dass die Stellung des Pharaos eine Ermordung schon fast zum Sakrileg macht. Es bleiben allerdings die Indizien und die sprechen dafür.

Ein wichtiges Teil des Puzzles fehlt bisher. Es noch nicht einmal genau klar, ob der Pharao überhaupt ermordet wurde. Starb er eines natürlichen Todes, ist die ganze Diskussion ganz offensichtlich hinfällig. Starb er aber tatsächlich an einem Schlag auf den Hinterkopf, dürfte der Streit neuen Aufschwung erfahren.

In einer Hinsicht war der Bildersturm unter Haremhab ein Segen für die Wissenschaft. Tutanchamun wurde so gründlich vergessen, dass sein Grab von Plünderung verschont blieb. Die Ideen Echnatons setzten sich langfristig auch so durch. Keine sechzig Jahre später erfuhren etliche der Ideen des Ketzerkönigs eine Renaissance.

Unter dem großen Pharao Ramses II. vereinte Amun praktisch alle Eigenschaften der anderen Götter in sich und ersetzte sie, ein de facto Monotheismus. Ägypten öffnete sich neuen Einflüssen und erlebte in der Folge seine größte Blütezeit. Es gibt Dinge, die kann man nicht oktroyieren. Religion gehört sicher dazu. Manchmal kommt man mit Beharrlichkeit und Subtilität trotzdem ans Ziel.

Ganz im Gegensatz zu Echnaton scheint Ramses das gewusst zu haben. So wurde der Eine ein verfemter Visionär und der andere einer der bedeutendsten Pharaonen der Geschichte. Vielleicht geriet Tutanchamun einfach nur unter die Räder. Vermutlich war er auf dem richtigen Weg, doch lebte er nicht lange genug, um den Land seinen Stempel aufzudrücken. Warum er so früh starb, werden wir hoffentlich bald erfahren. Nach Abschluss der Untersuchungen werden die sterblichen Überreste wieder nach Luxor überführt und finden dann ihre hoffentlich letzte Ruhe.

 

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