Auf der Spur des Riesen-Buddha

Ein Straßburger Archäologie-Professor glaubt, im Bamian-Tal in Afghanistan Hinweise auf eine 300 Meter große Buddha-Statue gefunden zu haben.

Für Zemaryalaï Tarzi, Archäologie-Professor an der Marc-Bloch-Universität in Straßburg, ist die Suche nach dem verlorenen Buddha eine Art lebenslange Obsession. Selbst aus Afghanistan stammend, stieß er im Jahre 1967, während den Recherchen zu seiner Doktorarbeit über die berühmten Buddha-Statuen von Bamian, auf den Reisebericht eines chinesischen Pilgers.

In dem Bericht erwähnt Hiuan Tsang aus Xuanzang einen liegenden Buddha von gewaltigen Dimensionen. Die angeblich 300 Meter lange Statue soll sich im buddhistischen Kloster von Bamian befunden haben. Die Geschichte faszinierte den jungen Archäologen.

Nachdem er 1972 in seine Heimat zurückkehrte und Leiter des Denkmalschutzamtes wurde, setzte er alles daran, der Geschichte weiter nachzuspüren. Als er fünf Jahre später endlich das Geld für eine Ausgrabungskampagne zusammenhatte, kam der Krieg und Tarzi musste Hals über Kopf flüchten.

Wieder in Strassburg fing er praktisch wieder bei Null an. Alle Aufzeichnungen, Bibliothek und Archive waren verloren, es bestand so gut wie keine Hoffnung, je wieder im Bamian-Tal ausgraben zu können. Erst gut 23 Jahre später fasste er den Entschluss, alles daran zu setzen, an seine alte Wirkungsstätte zurückzukehren. Auslöser war ein Ereignis, dass seinerzeit die ganze Welt aufwühlte, doch niemanden so sehr wie Zemaryalaï Tarzi. Im März 2001 zerstörten religiöse Fanatiker die beiden großen Buddha-Statuen von Bamian.

Ein Verlust für die Menschheit

Vor ihrer Zerstörung waren die Buddha-Statuen Teil des Weltkulturerbes. Die 37 und 53 Meter hohen, in den senkrechten Fels gehauenen, Bildnisse entstanden zwischen dem 3.und 6. Jahrhundert. Ein bedeutendes buddhistisches Kloster war zu diesem Zeitpunkt im Bamian-Tal angesiedelt.

Das Tal, etwa 230 Kilometer entfernt von der Haupstadt Kabul und 2500 m hoch gelegen, war im Altertum Anlaufpunkt von Karawanen aus China, Alexandria und Rom. Die Statuen selbst waren ursprünglich farbig, Hände und Gesichter golden. Von diesem Schmuck ist schon lange nichts mehr erhalten.

Ungeachtet internationaler Proteste zerstörten Taliban-Milizen die einmaligen Zeugnisse. Mit Dynamit und Maschinengewehrfeuer demolierten sie die unersetzlichen Figuren aus Sandstein bis zur Unkenntlichkeit. Ihrer Verlautbarung nach stammten sie aus vorislamischer Zeit, seien damit pagan; außerdem verbiete der Koran bildhafte Darstellungen von Lebewesen. Leider hatten sie den Teil, der zu Toleranz anderen Kulturen gegenüber aufruft, nicht gelesen.

Einmal mehr waren WHP (World Heritage Programme) und UNESCO machtlos, die internationale Wissenschaftsgemeinde zum Zuschauen verdammt.

Auf der Spur des Buddhas

Nach der US-Intervention in Afghanistan reiste Tarzi ohne lange zu zögern in seine alte Heimat. Im Sommer 2002 startete er erste Probegrabungen im Bamian-Tal, musste auf Druck des Militärs die Arbeiten jedoch abbrechen.

Im Jahr darauf kehrte er zurück und diesmal wusste er nicht nur das französische Außenministerium (Tarzi ist mittlerweile französicher Stattsbürger) sondern auch den afghanischen Präsidenten Hamid Karsai auf seiner Seite. Bei Probegrabungen stieß er auf Spuren einer Anlage, von der Tarzi glaubt, es handele sich um besagtes Kloster.

Die Stelle stimmt genau mit dem Beschreibungen Hiuan Tsangs überein, Tarzi ist sich zu 100 Prozent sicher, dass er auf der richtigen Spur ist. Würde er fündig, wäre es die die größte bekannte Statue der Welt.

Niederlage kurz vor dem Ziel?

Trotz der ermutigenden Fortschritte ist längst nicht entschieden, ob sich Professor Tarzi seinen Lebenstraum erfüllen kann. Im Moment liegt die Entscheidung bei der UNESCO. Der liegt nämlich noch ein zweiter Antrag vor, das Tal zu erforschen.

Ein japanisches Team von Archäologen ist mindestens genauso versessen darauf, den Buddha zu finden, wie Zemaryalaï Tarzi. Die Japaner verfügen über mehr Geld und besseres Equipment, ein Argument, dass die Kulturorganisation der UN nicht einfach von der Hand weisen kann.

Der Strassburger Archäologe ist trotzdem optimistisch. Niemand kennt das Tal so gut wie er. Seine Reputation in Hinsicht auf das Objekt wird nur von seiner Entschlossenheit übertroffen. Seit 27 Jahren ist er auf der Spur des Buddhas und es wird schwer werden, ihn daran zu hindern, auch im kommenden Sommer nach der mysteriösen Statue zu forschen.

 

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