Heiliger Gral in Ägypten entdeckt

Angeblicher Christus Becher aus dem ersten Jahrhundert sorgt für Streit unter den Gelehrten.

Frank Goddio ist immer für eine Überraschung gut. Die Liste seiner spektakulären Entdeckungen ist lang, mit dem aktuellen Fund könnte er sich allerdings selbst übertroffen haben. Im Hafen von Alexandria fand er eine Tontasse mit der Aufschrift: "Chrestou". Das eigentlich Sensationelle daran ist allerdings das Alter des Stücks: Es stammt vermutlich aus der ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts.


Die Nachricht klingt nicht nur in den Ohren eines Archäologen spektakulär. Eine Tonschale mit dem Namen des Erlösers, die eventuell sogar zu seinen Lebzeiten entstand? Viel dichter kam man der Beschreibung des Heiligen Grals fast schon nicht mehr kommen. Was hat es mit der Sache auf sich?

Nun ja, beim derzeitigen Stand kann man eigentlich wenig dazu sagen. Laut Fundbericht stammt die Schale aus einer Schicht, die in den betreffenden Zeitraum gehört. An der Aufschrift "DIA CHRESTOU OGOISTAIS" an sich gibt es auf den ersten Blick wenig zu deuteln. Es braucht keinen Schriftgelehrten, sie zu übersetzen.

Nicht ganz so einfach zu beantworten ist die Frage, wie wir die Inschrift zu verstehen haben. Das mag wie Wortklauberei klingen, ist es aber nicht. Die Grundfrage lautet im Prinzip, ob es sich bei dem angesprochenen "Chrestou" tatsächlich um Heiland den Herrn handelt, den Erlöser, DEN Jesus Christus?

Genau daran scheiden sich im Moment die Geister und das kann eigentlich auch nicht überraschen. Die Frage ist schließlich nicht eben unerheblich. Wenn dem nämlich so wäre, dann würde dieser an sich eher unscheinbare Tonbecher nicht weniger als das älteste Zeugnis der Christenheit repräsentieren. Da kann man sicher zweimal schauen.

Magier und Scharlatane

Ins Deutsche übersetzen könnte man die Inschrift in etwa so: "Magier durch Chrestos". Das mag sich nun selbst bibelfesteren Zeitgenossen nicht unbedingt als Jesus-Referenz erschließen, man muss sich allerdings den Zeitrahmen vor Augen halten. Die Christen waren zu dem Zeitpunkt bestenfalls eine Sekte. Ihr Heiland Jesus Christus bewies nicht zuletzt durch seine Wundertaten, dass er von Gott gesandt war, um die Menschen zu retten.

Das Konzept des Monotheismus an sich galt im frühen ersten Jahrhundert noch als recht exotisch. Dass zudem dieser allmächtige Gott seinen Sohn am Kreuz sterben lässt, um die verderbte Menschheit zu retten, muss im Zeitalter des griechisch-römischen Pantheons für – formulieren wir es mal vorsichtig – erstaunte Blicke wenn nicht sogar leichten Unglauben gesorgt haben.

Nun mag man den Teil mit dem Sohn des einzigen Gottes skeptisch begutachtet haben, dass jemand, der Wasser zu Wein verwandeln konnte und die Toten erwecken, ein mächtiger Magier gewesen sein muss, daran konnte kaum ein Zweifel bestehen. Zumindest war es kein Schaden, wenn man sich als Hexer von Stand oder auch einfach Scharlatan von nebenan auf einen solch mächtigen Magier berufen konnte.

Diese Interpretation wird durchaus von einigen Gelehrten geteilt, es gibt natürlich aber auch Skeptiker. Zum einen war Chrestos ein durchaus gebräuchlicher Vorname in jenen Tagen, das allein wäre natürlich aber kein echtes Argument dagegen. Die Kritiker ziehen sich vor allem aber an dem Wörtchen "OGOISTAIS" hoch. Das kann man durchaus auch anders interpretieren als oben geschehen.

Kritik muss halt sein

Die ersten Gutachten kamen zu recht unterschiedlichen Resultaten. Eine der eher kritischen Versionen vermutet – kurz gefasst –, dass sich das Wort "OGOISTAIS" nicht auf einen der im Alexandria jener Tage omnipräsenten Magier bezieht, sondern auf eine lokale Kultgemeinschaft zu Ehren des Gottes Ogo. Nun – und das muss an dieser Stelle einfach angefügt werden – ist diese Gemeinschaft keineswegs lokal in Alexandria, sondern sie ist lokal in Karien (Gebiet in der heutigen Türkei) und es gibt genau eine antike Referenz dazu.

Den Verfechtern dieser These zufolge wäre es zumindest denkbar, dass ein karischer Kaufmann nach Alexandria gezogen war und vor Ort mit ein paar Gleichgesinnten einen religiösen Verein gründete. Dieser Kultgemeinschaft widmete er nun diesen – wie erwähnt recht unscheinbaren – Becher.

Das mag ein ganz klein wenig konstruiert wirken, aber natürlich lässt es sich nicht mit letzter Sicherheit ausschließen. So wollen wir das auch nicht tun. Anscheinend gibt es dazu durchaus noch andere Theorien (und es werden sicher noch mehr werden), auf deren Publikation müssen wir allerdings noch etwas warten. Immerhin ist unstrittig, dass dieses Exponat alles Potenzial hat, in nächster Zeit noch einige Gelehrtendispute zu provozieren.

Während der Konferenz "Maritime Archaeology and Ancient Trade" in Madrid, wo die Schale zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentiert wurde, ergab sich da sicher schon reichlich Gelegenheit. Auf die Ergebnisse warten wir schon sehr gespannt. Solange sich die Kritiker auf haarige Konstruktionen zurückziehen müssen, lehnt sich Frank Goddio aber sicher entspannt zurück und freut sich über seine Jesus-Schale.

 

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